„Das Studium hat mir bislang bei allen meinen beruflichen Stationen geholfen“

7. September 2016
Im Gespräch mit SIBE-Alumnus Oliver Queck - Projektgebendes Unternehmen während des Studiums: MCGM Management Consulting Group GmbH, Prorgamm: MBA in General Management

Oliver Queck ist Mitgründer des Social Startups JobKraftwerk.com, einer Plattform die Flüchtlingen den Eintritt in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtert. Zuvor war er bei T-Systems und ist Projektdozent an der SIBE. In diesem Interview erzählt er von seiner Motivation, Gründung und soziale Verantwortung zusammenzubringen und teilt seine Erfahrungen und Tipps für eine erfolgreiche Gründung.

Erststudium: Luft- & Raumfahrttechnik
Zweitstudium: MBA in General Management
Kurs: WO38, Abschlussjahr: 2010


Sie haben von 2008 bis 2010 bei der MCGM Management Consulting Group GmbH Ihren SIBE-MBA gemacht und haben danach sechs Jahre in Führungspositionen bei T-Systems gearbeitet. Wann haben Sie sich dazu entschieden, stattdessen einen eigenen, unternehmerischen Weg zu ehen und was war für diese Entscheidung ausschlaggebend?

Meine Aufgaben bei T-Systems waren sehr herausfordernd, abwechslungsreich und ich hatte viel Freude daran, neue Bereiche, zuletzt den Cloud-Bereich des Geschäftsbereichs Systems Integration, aufzubauen und die Strategie mitgestalten zu dürfen. Ich bin aber ein Mensch, der die Abwechslung und das Abenteuer sucht und braucht. Der Wunsch und die Idee der Selbstständigkeit bestand schon längere Zeit, nur haben das richtige Thema und der richtige Partner gefehlt. Einfach nur ein weiteres Beratungshaus aufzubauen konnte da nicht mein Ziel sein. Ende letzten Jahres kam dann alles zusammen: der richtige Partner, die passende Idee ein gesellschaftliches Problem anzugehen und die Rückendeckung meiner Familie. Wir haben dann auch nicht lange gewartet und nach ausgiebigem Sounding der Idee mit unserem Netzwerk Nägel mit Köpfen gemacht.

Seit Mai 2016 bauen Sie nun gemeinsam mit zwei Mitgründen die Plattform JobKraftwerk.com auf. Was genau ist das Ziel dieser Plattform und wie funktioniert sie?

Die Integration in den Arbeitsmarkt ist nach dem Spracherwerb die große Herausforderung der aktuellen Flüchtlingskrise. Hierbei sind drei Parteien oder Kundengruppen von Relevanz. 1. Geflüchtete, die keine mit deutschen Standards vergleichbare Qualifikation besitzen; 2. Unternehmen, die keinen strukturierten Zugang zu der neuen Gruppe an Arbeitnehmern haben; 3. Kommunen, die vor der Herausforderung der Integration und Akzeptanz der Geflüchteten stehen. Es gibt zahlreiche Jobportale, auf welchen Unternehmen Stellen ausschreiben und Geflüchtete rudimentäre Steckbriefe über sich ausfüllen. JobKraftwerk ist in seinem Leistungsumfang einzigartig. JobKraftwerk setzt auf einen regionalen Ansatz in enger Kooperation mit Kommunen, bei dem sich Geflüchtete und Unternehmen einer Region finden.

Geflüchtete erstellen mit dem Smartphone auf JobKraftwerk, qualitätsgesichert durch Sozialarbeiter oder Ehrenamtliche, einen Standard-Lebenslauf inkl. Stärkenprofil in Muttersprache. Unternehmen suchen auf JobKraftwerk nach passenden Profilen und laden die Menschen direkt zu Vorstellungsgesprächen ein. JobKraftwerk unterstützt Arbeitgeber auch bei z.B. der Beantragung einer Arbeitserlaubnis.

JobKraftwerk ist ja ein Social Startup, verknüpft also Unternehmertum mit sozialer Verantwortung. Was reizt Sie daran besonders? Und gibt es auch Herausforderungen, denen man so bei einer „klassischen“ Gründung eher nicht begegnet?

Der besondere Reiz, aber auch die besondere Verantwortung liegt darin, ein gesellschaftlich relevantes Problem anzugehen und bei der Lösung zu unterstützen. Hierbei steht auch im Vordergrund, dass wir zwar kein NGO sind und unsere Kosten mit Umsätzen decken müssen, aber wir nicht gewinnmaximierend agieren. Das tolle am Social Startup ist auch, dass man eine andere Art der Mission und Vision aufbauen kann, die sich doch signifikant von „normalen“ Unternehmungen unterscheidet. Z.B. gehen wir davon aus, dass jeder Geflüchtete Stärken hat, welche im deutschen und europäischen Arbeitsmarkt benötigt werden. Diese Stärken herauszufinden, hervorzuheben und Unternehmen vorzustellen ist die Mission von JobKraftwerk – im ersten Schritt.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Aspekte, um als Social Entrepreneur erfolgreich zu sein?

Der wichtigste Punkt aus meiner Sicht ist, dass man sich so viele Inputs der Zielgruppe wie nur irgendwie möglich einholt, um den Service und das Geschäftsmodell zielgerichtet aufbauen zu können. Pure Desk Research ist hier nicht zielführend, vielmehr waren es bei uns Gespräche, Diskussionen und der Austausch mit Geflüchteten, Unternehmen, Kommunen, Behörden, Sozialarbeitern, NGOs und Ehrenamtlichen, um nur Einige zu nennen. Heißt konkret, dass man nicht ohne eine gute und detaillierte Stakeholder Map inklusive definierter Aktionen auskommt. Punkt 2 ist, wie bei jeder Gründung, die Sicherstellung der Finanzierung der Anlaufphase. Wer bei einem Social Startup auf Venture Capital setzt, wird unserer Erfahrung nach erstmal enttäuscht werden. Natürlich skalieren und wachsen auch Social Startups, aber in anderen Dimensionen als z.B. ein Online-Portal für Business Kontakte. Ein guter Finanzierungspartner für die erste Zeit als Rückendeckung hilft hierbei, die Zeit bis sich das Geschäftsmodell selbst trägt oder bis ein Investor einsteigt zu überbrücken. Hierfür sollte man genügend Zeit einplanen und viele Kanäle bespielen.

Welche Tipps würden Sie aus Ihrer Erfahrung heraus Gründungsinteressierten geben? Wie fängt man am besten an, eine Idee umzusetzen?

Da gibt es natürlich eine Vielzahl von Möglichkeiten, die auch in entsprechender Literatur hinreichend beschrieben sind. Für uns hat sich eine Kombination aus Methoden bewiesen. Für jedes Geschäftsmodell hinter der Idee JobKraftwerk haben wir unter Verwendung von Design Thinking Ansätzen eine einfache Business Model Canvas ausgearbeitet. Diese haben wir jeweils mit Stakeholdern diskutiert und verfeinert, bis wir letztendlich auf unsere aktuelle Version gekommen sind. Als wir uns mit der Idee sicher fühlten, haben wir mit dem Business Plan angefangen und eine erste Version erstellt, welche wir mit unserer Bank durchgesprochen haben, um die Anschubfinanzierung sicherzustellen. Darüber hinaus haben wir an ausgewählten Business Plan-Wettbewerben teilgenommen, bei denen sich der Aufwand für die Unterlagenerstellung und der Output die Waage halten. Der Gewinn eines Wettbewerbs, bei uns der Business Plan Wettbewerb Berlin-Brandenburg, hilft natürlich marketingtechnisch. Aber auch die Kontakte aus dem Wettbewerb sind nicht zu unterschätzen.

Ein weiteres zentrales Element bei unserem Vorgehen stellen Förderungen dar. Dies begründet auch den Unternehmenssitz in Berlin. Hier gibt es sehr viele Fördermöglichkeiten für Startups, allerdings ist der Wettbewerb um die begrenzten Mittel auch extrem hoch. Und der wichtigste Punkt aus meiner Sicht ist, die Idee mit potentiellen Kunden so schnell wie möglich zu erproben. Wir haben sehr schnell ein Minimum Viable Product (MVP) von JobKraftwerk entwickelt und dieses in einer Pilotregion im Landkreis Reutlingen pilotiert. Die Erkenntnisse daraus sind super wertvoll und es ergeben sich Themen, an die man im Vorhinein niemals gedacht hätte. Zusammenfassend kann man schon sagen, dass wir nach dem Lean Startup Prinzip agieren, natürlich angepasst auf unsere spezielle Situation und unser Vorhaben.

Inwiefern profitieren Sie heute noch von Ihrem Studium an der SIBE?

Das MBA Studium an der SIBE hat mir bislang bei allen meinen beruflichen Stationen geholfen. Die fachlichen und praktischen Inhalte unterstützen mein Gründungsvorhaben dadurch, dass wir in der Tat bei der Business Modell Canvas und Business Plan-Entwicklung in den Unterlagen nachgeschlagen und behandelte Modelle adaptiert haben. Grundsätzlich ist es aber einfach super, einen allgemeinen Überblick über alle relevanten Themen wie z.B. Finanzplanung, Marktanalyse, Marketing zu haben, auf welchem man dann aufbauen kann. Nicht zu vergessen sind aber auch die alten Kontakte aus der Studienzeit. Mehrere meiner damaligen Kommilitonen sind für mich wichtige Sparringpartner und Inputgeber.