„Digitalisierung ist viel mehr als das Umsetzen einer technischen Strategie.“

10. Februar 2017
Interview mit SIBE-Dozent Prof. Dr. Christian Bär

Prof. Dr. Christian Bär studierte BWL mit Schwerpunkt Steuerrecht. Seit 1999 arbeitet er für die als Genossenschaft organisierte DATEV eG, die als IT-Dienstleister Softwarelösungen für Steuerberater, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer entwickelt. Seit Ende letzten Jahres ist er dort CDO.
An der SIBE unterrichtet Prof. Bär seit mehreren Jahren Projekt- und Prozessmanagement im M.Sc. in International Management.


In Ihrer langen Karriere bei der Datev, die 1999 begonnen hat, sind Sie seit Oktober 2016 Chief Digital Officer, also Chefstratege für Digitales. Wie kamen Sie zu dieser Aufgabe, und was machen Sie da genau?

In den 17 Jahren bei der Datev hatte ich viele verschiedene Jobs. Ich hatte die Chance, alle zwei bis drei Jahre eine neue Aufgabe im Unternehmen übernehmen zu können. Beginnend in der Unternehmensberatung, zwischenzeitlich zuständig als Führungskraft mit einer ganz normalen Beratungsaufgabe, dann Referent des CEOs, dann aber wieder auch zuständig für den Aufbau eines komplett neuen Marktsegments, Vertriebsleiter – und jetzt eben Digitalisierung.

Bevor Sie CDO wurden, hatten Sie also eine Führungsposition im Vertrieb. Sind das nicht zwei ganz unterschiedliche Bereiche? Wie kam dieser Wechsel zustande?

Für uns war wichtig, dass jemand, der den Kundenbezug hat, dieses Thema steuert. Jemand, der bei Digitalisierung nicht macht, was technisch möglich ist, sondern der bei jeder dieser Entscheidungen und Projekte die Frage stellt: Was hat am Ende der Kunde davon? Und da liegt es natürlich nahe, jemand zu nehmen, der als ehemaliger Vertriebsleiter die Kundensicht kennt, und der gleichzeitig über die Professur den Hang zu Projektmanagement hat – der also die Dinge strukturiert angeht.

Also mit anderen Worten: kein Nerd?

Genau. Es war eine bewusste Entscheidung, keinen Techniker auf diese Stelle zu setzen, der dann macht, was technisch geht, aber den der Kunde nicht mehr interessiert. Das ist auch für das Thema Digitalisierung wichtig. Denn Digitalisierung ist viel mehr als das Umsetzen einer technischen Strategie. Es ist die Gesamtausrichtung eines Unternehmens, und wo ich dem Kunden Mehrwert bieten kann durch die jetzt neue Technologie, muss ich das so tun. Aber im Mittelpunkt muss der Kunde stehen und nicht die Technologie.

Was bedeutet es, in einem so digitalisierungsaffinen Unternehmen wie der Datev fürs Digitale zuständig zu sein? Wo ist diese Position angesiedelt?

Wichtig war, dass Digitalisierung und der Wandel, der damit einhergeht, Chefaufgaben sind. Es geht darum, das gesamte Unternehmen strategisch neu auszurichten mit den neuen Chancen, die die Digitalisierung bringt. Das unterscheidet die Aufgabe auch vom CIO. Der CIO baut die internen IT-Anwendungen auf, und der CDO hat den gesamtheitlichen Blick darauf, das Unternehmen zu steuern. Der CIO und ich, wir haben bei Datev das beste Verhältnis zueinander, weil wir genau die gleichen Herausforderungen haben und von zwei Seiten am selben Ziel arbeiten.

Sie unterrichten an der SIBE Projekt- und Prozessmanagement – gibt es bei diesem Thema denn Berührungspunkte zur Digitalisierung?

Projektmanagement gewinnt gerade auch wegen der digitalen Transformation massiv an Bedeutung, denn da gibt es eben ganz häufig Veränderungsprozesse, die in Form von Change-Projekten stattfinden. Ich bringe diese Themen in meinen Seminaren ein: Was kommt da von der technologischen Seite auf die Unternehmen zu? Was passiert mit Digitalisierung im Allgemeinen? Um auch dafür zu sensibilisieren, dass die Geschäftsmodelle von heute höchstwahrscheinlich nicht mehr die Modelle von morgen sind. Selbst der Prozess, den ich gerade lerne, wird wahrscheinlich in drei Jahren schon wieder ein ganz anderer sein. Jetzt stehen die Studenten ja am Anfang des Berufslebens, und sie werden noch viele dieser Wechsel erleben. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, die Angst davor zu nehmen. Denn den Wechsel kann man beherrschen, und er bringt auch Riesenchancen mit sich. Wenn man gut vorbereitet in diese Change-Prozesse geht, dann kann man von diesen Veränderungen auch massiv profitieren. Veränderung erzeugt zunächst Widerwillen, man sagt, jetzt läuft es doch, man sieht es oft als ganz leichte Kritik an der Vergangenheit – was es ja eigentlich gar nicht ist. Dieser Reflex ist ein menschlicher – den haben meine Studenten, und alle anderen auch. Das ist eine Frage der Einstellung.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in den Bereichen digitale Transformation und Industrie 4.0 in den nächsten Jahren?

Sehr viele – und viele, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Wenn man sich überlegt, dass es jetzt gerade mal 10 Jahre her ist, seit das iPhone auf den Markt gekommen ist und man zu Beginn in der Telekommunikationsbranche höchstens ein müdes Lächeln übrig hatte – und es ist irre, wie dieses Teil die Welt verändert hat. Ich denke, da werden noch etliche Entwicklungen kommen, die man heute noch gar nicht so absehen kann. Zum Beispiel Geräte, die miteinander sprechen, künstliche Intelligenz, oder Algorithmen, die einiges mehr können werden als heute. Da gilt es tatsächlich, wenn man auf diesem Weg bestehen will, unheimlich schnell und flexibel reagieren zu können. Das wird eine der Herausforderungen schlechthin sein. Die Technologie wird der Treiber sein, sie sollte aber nicht das sein, um das sich alles dreht. Digitalisierung führt dazu, dass Neueinsteiger wenig Kapital brauchen. Die Hemmschwellen, um in einen Markt einzutreten, haben sich in den letzten 15 Jahren doch massiv verschoben. Uber musste nicht erst 10.000 Taxis kaufen, sondern eigentlich hat das Unternehmen nur Daten von links nach rechts geschoben. Die Hoheit hat am Schluss derjenige, der die Datenhoheit hat. Das ist eine der Kernaussagen der Digitalisierung. Nicht umsonst gibt es ja den Spruch: Die Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts.

Wenn Neueinsteiger es so leicht haben, dann gibt es für etablierte Unternehmen gar nicht mehr so viel Sicherheit wie früher?

Die Zyklen, in denen Sie sich auf sowas verlassen können, werden immer, immer kürzer. Pokémon Go hat nur Stunden gebraucht, um sich durchzusetzen. Und das heißt natürlich, dass die heutigen Marktführer keinerlei Berechtigung haben, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Sie müssen ständig am Puls der Zeit sein. Und das macht es natürlich komplexer. Vielleicht denken manche, das ist ungerecht, ich habe mir das doch jetzt erarbeitet, aber diese Dimension gibt es nicht mehr.

Was wollen Sie den Studenten noch mit auf den Weg geben?

Lernen Sie, die Veränderungen als Chance zu verstehen. Haben Sie Spaß daran, Sachen zu verändern. Es ist immer schöner, selbst zu verändern als sich von anderen verändern zu lassen. Und gerade wenn man sich den aktuellen Veränderungen gegenüber offen zeigt, bieten sich alle Chancen der Welt.

Herr Bär, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben!