„Wer sich selbst nicht führen kann, kann auch andere nicht führen.“

16. November 2016
Im Gespräch mit SIBE-Alumna Ulrike Berner, Programm: MBA in General Management

Erststudium: Politikwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften
Kurs: WO15 A
Abschlussjahr: 2006


SIBE: Sie haben zwei Mal studiert. Warum war zusätzlich noch ein SIBE-MBA nötig? War das wichtig für Ihre Karriere?

U. Berner: In meinem ersten Studium, BWL und Politikwissenschaften, habe ich vor allem die theoretischen Grundlagen gelernt, die für meinen weiteren Berufsweg wichtig waren. Aber mir fehlte das Wissen, wie man theoretische Instrumente in der Praxis sinnvoll einsetzt. Dazu hat das Studium an der SIBE einen entscheidenden Beitrag geleistet: in den Seminaren haben wir konkrete Herausforderungen aus dem Unternehmensalltag mit den Instrumenten des MBA gelöst. Das hat mir auch in meiner weiteren Entwicklung immer wieder geholfen, neue Herausforderungen strategisch anzugehen.

SIBE: Haben Sie Ihre Karriere so geplant, wie sie bisher verlaufen ist? Kann man Karriere planen?

U. Berner: Teilweise, würde ich sagen. Einerseits hatte ich schon immer konkrete Ziele – ich wollte gestalten, eigene Ideen entwerfen und in die Tat umsetzen anstatt in die Fußstapfen von anderen zu treten. Andererseits hatte ich noch keine konkrete Vorstellung, wie dies erfolgen sollte. Dass ich dann als Quereinsteigerin mit einem Studium der BWL und Politikwissenschaften in der Facility Management Branche Erfolg gehabt habe, war sicher nicht so geplant. Es hat aber mein Motto bestätigt: Sich grobe Ziele setzen, bei der Erreichung derselben aber flexibel sein und Gelegenheiten erkennen, die sich bieten, auch wenn diese eher ungewöhnlich sind.

SIBE: Profitieren Sie in Ihrem Job von den Inhalten des MBA-Studiums?

U. Berner: Auf jeden Fall. Wie bereits erwähnt, habe ich verschiedenen Herausforderungen mit den Inhalten des MBA-Studium gelöst. Als konkreter Fall fällt mir da besonders die Aufgabe ein, in England einen neuen Markt zu „erobern“. Hier habe ich lange überlegt, wie dies systematisch angehen kann. Dann hat mir gerade der Bereich Strategieentwicklung, mit dem sich im SIBE-MBA drei Seminare beschäftigt, sinnvolle Instrumente an die Hand gegeben.

SIBE: Sie sind heute Vertriebsleiterin und eine Führungskraft. Was macht für Sie eine gute Führungskraft aus?

U. Berner: Dazu gehören natürlich eine Vielzahl von Eigenschaften, die auch unterschiedlich je nach Branche und Unternehmensgröße sind. Gemeinsam ist meiner Meinung nach aber allen Führungskräften ein klares Wertegerüst und eine bewusstes Umgehen mit der eigenen Persönlichkeit. Getreu nach dem Motto: Wer sich selbst nicht führen kann, kann auch andere nicht führen.

SIBE: Wollten Sie schon immer eine Führungskraft werden?

U. Berner: Ja, mir hat es schon immer Spaß gemacht, Dinge zu gestalten und vorwärts zu bringen. Dafür hat man in einer Führungsposition einfach mehr Möglichkeiten.

SIBE: Wie kann man selbst herausfinden, ob man für eine leitende Position geeignet ist oder nicht?

U. Berner: Hier hilft nichts anderes als Ausprobieren. Das muss ja nicht gleich im Job sein – zum Beispiel bieten auch Studentenorganisationen, Vereine und politische Parteien gute Möglichkeiten.

SIBE: Kann man diese Fähigkeiten entwickeln oder ist es ein Talent?

U. Berner: Sicherlich muss man bestimmte Grundvoraussetzungen mitbringen – eine sehr introvertierte Persönlichkeit wird zum Beispiel eher ungeeignet als Führungskraft sein. Ich bin aber der Meinung, dass die Fähigkeit zur Personalführung auch viel mit Training zu tun hat und damit, dass man bereit ist, an sich selbst zu arbeiten. Gerade bei Sasse hatte ich hier die Möglichkeit, durch die hausinternen Seminare zur Führung und zur Personalentwicklung diese Fähigkeit weiterzuentwickeln und mich als Führungskraft zu verbessern.

SIBE: Sie waren Geschäftsführerin von Sasse Limited in Großbritannien, einem Unternehmen mit über 250 Mitarbeiter. Was war das für eine Erfahrung für Sie? Unter welchem Leistungsdruck steht man in so einer Position? Wie gehen Sie mit Stress um?

U. Berner: Die Erfahrung, einen fremden Markt von Anfang aufzubauen, hat mich sehr geprägt. Während es am Anfang darum ging, überhaupt erst einmal Aufträge an Land zu ziehen, nahm dann mit den Auftragsgewinnen die operative Verantwortung zu. Dies hatte den Vorteil, dass ich in diese Verantwortung langsam hereinwachsen konnte. Dennoch gab es die ein oder andere Situation, in der ich dann doch ganz schön ins Schwitzen kam: Als wir nach dem Verlust eines größeren Auftrags zum Beispiel verschiedenen Mitarbeiter kündigen mussten, oder als eine der englischen Gewerkschaften plötzlich mit verschiedenen Forderungen auf uns zukam. Der Druck, die richtige Entscheidung zu treffen, ist dann immens hoch – man ist ja nicht für sich selbst verantwortlich, sondern auch für die berufliche Zukunft der Mitarbeiter und das Budget, welches einem vom Unternehmen anvertraut wurde.
Natürlich musste ich dafür auch erst einmal lernen, mit Stress bewusster umzugehen. Heute sind vor allem Sport und eine aktive Freizeitgestaltung für mich ein wichtiger Ausgleich zu der Belastung im Job.

SIBE: Was bedeutet Personalverantwortung zu haben?

U. Berner: Das bedeutet, sich immer wieder bewusst zu sein, dass man mit seinen Entscheidungen für das tägliche Arbeitsumfeld und die Arbeitszukunft des Personals verantwortlich ist, das einem direkt unterstellt ist. Und dass man somit auch jede größere Entscheidung gut überdenken muss und manchmal auch etwas vorsichtiger agieren muss als in einer Position, in der man ohne Personalverantwortung arbeitet. Hier kann man sicherlich ein bisschen mehr experimentieren. Umgekehrt ist der Vorteil, dass man gerade durch die Zusammenarbeit mit dem Personal ganz andere Ergebnisse erreicht als wenn man alleine vorgeht.

SIBE: Ist Karriere und Familie einfach zu vereinbaren?

U. Berner: Natürlich ist es immer noch eine Herausforderung, beide Elemente haben schließlich viel mit Verantwortung zu tun und dabei kann es leicht zu Zielkonflikten kommen, zum Beispiel ein wichtiges Projekt in der Firma und ein krankes Kind. Aber ich denke, dass dies heute deutlich einfacher zu vereinbaren ist und dass es inzwischen viele Möglichkeiten für Frauen gibt, die Kinder bekommen und Karriere machen wollen.

SIBE: Es heißt, dass Netzwerke für die Karriere wichtig sind. Wie knüpft man so ein Netzwerk? Sind Sie eine Netzwerkerin?

U. Berner: Für mich heißt „Netzwerken“ sich bewusst zu sein, dass man beruflich und privat immer in ein Umfeld eingebettet ist und dieses dann bewusst zu pflegen. So ein Netzwerk knüpft man dann eigentlich ganz natürlich, wenn einem die Dinge, mit denen man sich beschäftigt, Spaß machen und man sich gerne über sie austauscht. Insofern ist es mir eigentlich immer leicht gefallen, mein berufliches Netzwerk auf- und auszubauen.

SIBE: Was halten Sie von Frauenquote?

U. Berner: Ich stehe dem eher kritisch gegenüber. Sicherlich muss gerade in Deutschland noch einiges für die Förderung von Frauen in Führungspositionen getan werden – gerade die nordischen Länder oder auch England haben uns hier einiges voraus. Die Einführung einer Frauenquote befürchte ich würde hier aber eher dazu beitragen, dass eine Frau nach einer Beförderung als „Quotenfrau“ abgestempelt wird und eben nicht als gleichwertig akzeptiert wird.